Blumenmädchen

Dornröschen

Sie schläft so tief, so märchentief
Hinter schimmernden Rosenhecken –
Doch weiß ich: ob ihr mein Herz auch rief,
Ich kann sie nicht mehr erwecken!
Zur Seite sank das süße Gesicht,
Und in goldenen Locken fallen
Die Haare darüber – so weich, so dicht,
Gesponnene Sonnenstrahlen.

So zart ist sie, so märchenzart –
Eine Knospe, erst halb erbrochen;
Doch macht ein Grau'n ihre Züge hart:
Sie hat sich zu tief gestochen!

Zu tief – ach, bis ins Herz hinein,
Eh' sie sank in den starren Schlummer –
Das gab dem Antlitz den blassen Schein,
Und ihrem Lächeln den Kummer.

's ist still um sie, so märchenstill –
Warum graut mir vor diesem Schweigen?
Ich kann ihr ja rufen, wann ich will,
Mich küssend über sie neigen.

Umsonst! Was pochst du, Herz so wild,
Und ersehnst was nie ich doch wage?
Dein Glück ward zum ruh'nden Märchenbild,
Und meine Liebe – zur Sage!

Marie Eugenie Delle Grazie
(1864-1931)

Modefotografien aus dem Projekt „ neue Kleider – Hannover goes Fashion“
Ausgestellt im Kestner Museum August 08 – Januar 09

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Frühling

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiese aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,
greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit uns Land und Zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

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